
CHRONIK
Untererthal
Ein heimatkundliches Lesebuch
Verfasser: Dr. Elmar Ullrich, 1993
Die Untererthaler Karnevalsgesellschaft (UKG)
Früher spielte sich in der Fastnacht, wie man die Faschingszeit im Fränkischen nennt, in Untererthal nicht allzu viel ab. Es kam immer darauf an, dass einer die Sache in die Hand nahm und organisierte. So existiert eine Aufnahme aus dem Jahr 1921, die zeigt, dass man durchaus auch auf einem Dorf die Fastnacht recht fröhlich begehen kann. Freilich, am stärksten wurde nach den beiden Weltkriegen gefeiert, denn in den schweren Kriegsjahren waren solche Lustbarkeiten verboten.
Schon seit Mitte Januar gab es öfter Bälle. Getanzt wurde in beiden Gaststätten, meist abwechselnd. Besondere Bedeutung hatte der Ball des Fußballvereins – der Dorfklatsch sah in ihm vielfach den Ort der künftigen Brautpaare. Es spielten stets die Untererthaler Musikanten zum Tanz auf, manchmal auch eine Kapelle aus Reith.
Am Faschingsdienstag in den Nachmittagsstunden herrschte ein reges Narrentreiben. Statt eines Prinzenpaares zog ein „Brautpaar“ in einem reich geschmückten Wagen durch die Straßen. Zwei Burschen trugen ein Schild voraus mit der Aufschrift „Wer uns getraut, der gehört verhaut“. Ein weiteres Plakat, das hinterher getragen wurde, empfahl den Dienst der Hebamme. Nebenher liefen die Kinder. Der Zug bewegte sich durchs ganze Dorf und hielt beim Kaufmann L. Fischer, welcher Bonbons und andere kleine Geschenke an die Kinder verteilte (Fasching 1950).
Doch auf die Dauer konnten die Faschingsveranstaltungen nicht der bloßen Improvisation überlassen bleiben. Deshalb haben sich 1962 Leute mit Ideen zusammengefunden, um mit viel Mühe und Fleiß recht ansehnliche Wagen für die Umzüge am Faschingsdienstag zusammenzustellen. Diese wurden bald in der ganzen Umgebung bekannt und zogen viel Publikum an. Später fanden diese Umzüge auch am Faschingssonntag statt, dabei beteiligte man sich auch an den Umzügen in Hammelburg. Zu den Aktivitäten dieser etwa um 1962 gegründeten Untererthaler Karnevals-Gesellschaft gehörten Kappenabende und kleinere Sitzungen im Gasthaus „Zum goldenen Kreuz“. Doch litten all diese Veranstaltungen, vor allem die Prunksitzungen im kleinen Rahmen, unter den beengten räumlichen Verhältnissen. Gardemädchen hatten für ihre Tänze kaum Platz und stellten nur schmückendes Beiwerk für eine Veranstaltung dar. Aber sehen lassen konnte sich das Programm einer Sitzung auch schon damals, und so manche Veranstaltung musste, weil nicht alle Interessenten Einlass fanden, sogar wiederholt werden.
Einen starken Aufschwung nahm der Verein Anfang der siebziger Jahre. Selbstbewusst gab man sich eine Vorstandschaft. Otto Dittrich und Walter Fischer nahmen die Geschicke des Vereins in die Hand. Man erweiterte das Angebot an die Mitglieder auch über die Faschingszeit hinaus. So wurde vor allem das Gemeinschaftsleben intensiviert, man legte Wert auf Geselligkeit, veranstaltete Preisschafkopf-Wettbewerbe und nahm sich der Aufstellung des Maibaums an.
Die ersten Sitzungen in diesen Jahren leitete Franz Weidling und drückte ihnen als Präsident mit Witz und Humor seinen Stempel auf. Sein Nachfolger wurde 1976 Manfred Herzog. In diesem Jahr bot die UKG mit Renate und Armin Stolz erstmalig ein Prinzenpaar auf. Gerade die Prinzenpaare bedeuteten aber auch in den Jahren danach eine Bereicherung der Prunksitzungen. 1977 gaben Kreszenzia und Otto Schipper der Veranstaltung das Gepräge. Auch die „Untererthaler Hofsänger“ (Männergesangverein) waren damals mit von der Partie. 1978 feierte man als Notbehelf ein lustiges Faschingstreiben in der noch im Rohbau befindlichen Erthal-Halle. Aber schon ein Jahr später gab es dort, als die Halle inzwischen fertig war, eine große Premiere. Mit dem Prinzenpaar Margot und Günter Seitz und vor allem einer von Ingrid Zwickl und Gudrun Gläser völlig neu aufgebauten Garde erfuhr die Punksitzung im Stadtteil einen Bombenerfolg. Als Gastvereine wirkten 1979 „Blau-Weiß Elfershausen“ und die „Burkardröther Fosenöchter“ mit, zu denen man freundschaftliche Beziehungen geknüpft hatte. 1980 wurden diese Beziehungen erweitert und die HA-KA-GE aus Hammelburg sowie die „Oberdöllwer Fosenochtsgesellschaft“ als Gäste gewonnen. Höhepunkt der Faschingssession war auch 1980 wieder die Prunksitzung in der Erthal-Halle mit Dr. Rudolf Emmerich und Ehefrau Christl als Prinzenpaar.
Im gleichen Jahr verlieh die UKG erstmals einen eigenen Hausorden, einen Faschingsnarren nach eigenem Entwurf. Außerdem wurde der Verein in diesem Jahr Mitglied im Bund Deutscher Karneval, Landesverband Franken. Auch einen Vorstandswechsel gab es 1980: Manfred Herzog steuert seitdem den Verein als erster Vorsitzender und als Präsident mit Zielstrebigkeit und Geschick.
Eine weitere Steigerung der Aktivitäten bot man dem Publikum, das die Erthal-Halle wieder bis zum letzten Platz füllte, in der Prunksitzung 1981. Mit viel Liebe und Ausdauer hatte Helma Leitschuh dazu ein hübsches Kinderballett einstudiert und die Kinder auch selbst eingekleidet. Der Elferrat trug an diesem Abend die erst einige Monate zuvor erworbenen roten Jacken sowie neue Mützen. Zum Jahresende konnten die rührigen Karnevalisten ihren zweiten Hausorden, ein stilisiertes Wappen des Vereins, das schon 1979 als Vereinssymbol entstanden war, vorstellen.
In der Würdigung der Leistungen der UKG, deren Vorstandschaft schon hohe Auszeichnungen vom Landesverband erhalten hat, darf das uneigennützige Wirken der Gesellschaft im Zusammenspiel der Ortsvereine nicht fehlen. So widmet man sich schon seit Jahren mit Erfolg dem Kinderfasching und weiß auch die Senioren des Stadtteils zu unterhalten. Mit dem „Eieressen“ am Freitag nach Aschermittwoch oder dem Maibaumaufstellen auf dem Dorfplatz werden alte Bräuche gepflegt. Auch beim Bau der Erthal-Halle war die UKG mit zahlreichen Arbeitsstunden entsprechend beteiligt und trägt als Mitglied des Vereinsrings auch heute noch anteilige Verantwortung.
So gesehen hat der Verein innerhalb der Dorfgemeinschaft und über deren Grenzen hinaus eine Stellung erlangt, die auch für die Zukunft zuversichtlich stimmt und ein erfolgreiches Jubiläum im April 1992 erwarten ließ. Damit war die Konsolidierung zu einem gewissen Abschluss gelangt. In den Jahren 1983 bis 1987 ruhte dann der Tatendrang. Aus beruflichen und privaten Gründen konnten die bisherigen Vorstände ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben. Die Führung lag in dieser Zeit bei Manfred Herzog und Klaus Lutz. Im November 1987 wurde bei einer Jahreshauptversammlung folgende Vorstandschaft gewählt: Erster Vorsitzender und gleichzeitig Kassier wurde Klaus Lutz; zweiter Vorsitzender (gleichberechtigt mit dem ersten Vorsitzenden) Karl Karg. Die Schriftführung übernahm Georg Heim. Edwin Heinz und Kurt Hildebrandt wurden Kassenprüfer.
Nach den vorangegangenen „Ruhejahren“ wurden dann Faschingstänze und Kinderfaschingsveranstaltungen in der Erthal-Halle abgehalten. In dieser Zeit wurde auch die UKG-Garde neu gegründet und mit neuen Uniformen ausgestattet. Hier zeichneten sich vor allem Wilma Schaub, Simone Koch, Bergith Meder, Inge Moutschka sowie Petra Nöth besonders aus (die beiden Letztgenannten studierten die Tänze der Kindergarde neu ein).
1990 erlebte die UKG mit einer Prunksitzung einen neuen Höhepunkt. Hier trat erstmalig Karl Karg als Sitzungspräsident in Erscheinung. Er machte seine Sache ausgezeichnet.
1990 im Herbst wurde bereits für den Fasching 1991 geplant. Doch leider musste wegen des Krieges am Persischen Golf der Fasching ausfallen. Vier Wochen nach Aschermittwoch fand die Jahreshauptversammlung statt. Die Vorstandschaft blieb die gleiche, doch wurden als Kassier Martin Heilmann und als Schriftführerinnen Bergith Meder und Simone Koch gewählt. Die Kassenprüfer blieben die gleichen.
Alljährlich im November beginnt der Faschingsauftakt der Vereine im Kreis Bad Kissingen. Hier zeigen Garden und Büttenredner zum ersten Mal ihr Können. Auch die UKG plant für 1992 wieder eine Prunksitzung. Im Mai 1992 soll das 30jährige Vereinsjubiläum mit 10 Jahren Standarte gefeiert werden. Zu diesem Fest soll auch ein Kommersabend sowie ein Country- und Westernabend stattfinden.
Am 05.09.1991 verstarb leider Otto Dittrich, Gründungsmitglied, ehemaliger Vorstand und Elferrat.
Zur Zeit zählt die UKG 188 Mitglieder. Sie ist bestrebt, vor allem die Jugend zu gewinnen für eine ansprechende Gestaltung der Fastnacht und mit allen Karnevalsvereinen zusammenzuarbeiten.
Herbert Nass
Klaus Lutz
Elmar Ullrich
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